Das Gesetz der großen Worte – Literaturfundstück

Geschildert wird eine Besprechung in einem dänischen Ministerium. Eine Medienkampagne ist geplant. An der Sitzung nehmen der Minister höchstselbst, der Chef der Werbeagentur und der Chef einer Hilfsorganisation teil. Geschildert wird das Geschehen aus der Sicht eines Ministerialbeamten:

Normalerweise hatten Treffen wie diese eine fast gesetzmäßige Tendenz zu scheitern. Grund dafür war das Gesetz der großen Worte, […] Es beschrieb das Phänomen, das auftrat, wenn sich bedeutende Männer von Angesicht zu Angesicht begegneten und aufgrund ihrer mangelnden Sachkenntnis ein Gespräch auf derart allgemeinem Niveau führten – mit so großen Worten- , dass sie eine scheinbare Einigkeit auf der rein grammatikalischen Ebene erzielen konnten, während die wirklichen Meinungsverschiedenheiten unberührt blieben und an die nachrangigen Beamten weitergegeben wurden, deren Los  es anschließend war, die Beschlüsse der bedeutenden Männer umzusetzen.“

Vielleicht kommt das jemandem bekannt vor? 😉

Die Szene stammt aus dem Roman „Intrigenspiel“ von Per Helge Sörensen (Bastei Lübbe, 2005, S. 316f., die dänische Originalausgabe erschien 2003). Der Autor hat selbst einst im Ministerium gearbeitet. Er kennt die Abläufe und ihre Absurditäten. Aber das Buch bietet noch mehr. Es handelt von einer Kampagne zur Bekämpfung der Kinderpornografie, durch die sich eine Werbefirma Kundschaft und der Minister mediale Aufmerksamkeit sichern will. Wer den Roman liest, fühlt sich unwillkürlich an „Zensursula“ erinnert, an den Versuch der Errichtung von Zugangssperren für Internetangebote. Der Roman nimmt vorweg, was später in Deutschland auch geschah. Die Idee einer Sperrliste wird geboren. Der technische Unverstand der Politik verkennt, dass eine Sperrinfrastruktur nicht ohne weiteres verwirklicht werden kann. Vor allem aber war die Kampagne in dem Buch getrieben von dem Bemühen, die eigenen Interessen zu bedienen. Bemäntelt wurden sie mit einem vorgeblich allgemeinen Schutzziel, dass so moralisch hochstehend war, dass sich niemand ihm verweigern könnte.

Für den deutschen Versuch, eine Sperrinfrastruktur hat Hadmut Danisch beschrieben, warum sie von Anfang an eine Totgeburt war. Er kommt schließlich zu dem Urteil, dass das sogenannte „Zugangserschwerungsgesetz“ längst gescheitert war, noch bevor es in den Bundestag ging. Also, so schließt er, handelte es sich letztlich nur noch um einen Schwindel, ein Wahlkampfmanöver.

Ob Danisch recht hat oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Seine Behauptung passt jedenfalls zu dem oben zitierten Roman, der angesichts der späten deutschen Debatte 2009 geradezu prophetisch wirkt. Schön zu lesen ist, wie die Einzelinteressen sich hier verzahnen zu einer Kampagne mit durchaus unangenehmen Folgen für einige Personen.

 

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