Medienschelte?

In meinem letzten Telepolis-Artikel habe ich den Medien vorgeworfen, im Guten wie im Schlechten die Piratenpartei überspitzt darzustellen, um dadurch eine interessante Story zu gewinnen. Ich habe den Medien eine Teilschuld zugesprochen beim gegenwärtigen Absturz der Piraten in der öffentlichen Meinung. So etwas klingt schnell wie eine pauschale Medienschelte. Gerade von Parteivertretern kennt man das: Wenn es mal nicht so läuft, sind die Medien daran schuld. Besonders prominent vertrat am Abend der Bundestagswahl 2005 Bundeskanzler Gerhard Schröder die These, die Medien hätten gegen seine Partei gearbeitet.

Da ich mich oft über die Medien ärgere, bleibe ich medienkritisch. Ich nehme aber von einer pauschalen Verurteilung Abstand. Es ist falsch, Journalisten per se als korrupt oder unfähig oder zu sensationslüstern zu verurteilen. Eine solche Medienkritik würde dort enden, wo die populäre Meinung über die Politik schon ist: Sie würde die Journalisten mit dem kollektiven Vorurteil belegen, eine Gruppe von moralisch fragwürdigen Menschen zu sein. Das ist jedoch falsch. Außerdem blockiert es jegliches Verständnis dafür, warum Medien die beklagten Defizite aufweisen.

Journalisten arbeiten unter bestimmten Bedingungen. Sie können nicht alles tun, was sie wollen. Für vertiefte Recherchen fehlt das Geld. Die Redaktionen sind klamm. Die Redaktionsschlüsse schaffen Termindruck. Zeitungen müssen sich auf dem Markt behaupten und daher auch kundenorientiert arbeiten. Nicht alle Leser sind Akademiker mit ausgeprägter Neigung zu langen, zahlenreichen Texten. Man darf also fragen, ob guter Journalismus unter diesen Umständen überhaupt möglich ist.

Lutz Hachmeister, Medienwissenschaftler und Autor des Buches „Nervöse Zone“, stellte fest, dass es über das Innenleben der Redaktionen und der Arbeitswelt der Journalisten kaum Forschung gäbe. Als empirischer Sozialforscher sehe ich darin eine reizvolle Aufgabe. Ich könnte mir ein solches Projekt gut vorstellen, wo man Journalisten begleitet, Redaktionen teilnehmend beobachtet und wo man auf diese Weise Handlungsmöglichkeiten und Zwänge von Journalisten aufzeigen kann. Diese Vorgehensweise ließe sich zusätzlich mit Fragebögen kombinieren, um repräsentative Daten über die Arbeitsbedingungen von Journalisten zu gewinnen. Denn es ist das eine, die Produkte einer bestimmten Berufsgruppe zu kritisieren. Das andere ist, in deren Schuhen ein paar Wochen zu laufen und dann seinem eigenen Qualitätsanspruch gerecht zu werden. Ob das gelingt? Vielleicht wäre sogar eine Art Praktikum die beste Art der teilnehmenden Beobachtung.

 

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